Schwarze Sonne

I.

Weder Aufgang hast du, schwarze Sonne, noch Untergang,
zum Beten keinen Himmel, zum Erkämpfen kein Land.

Und wer durstig will trinken von deinen Strahlen,
verstoßen wird er aus Himmel und Hölle, von Freuden und Qualen.

Versengt welkt das Gras, barfuß flüchten die Eichen,
vor deiner schwarzen Asche, deiner Blüte Flammenzeichen.

Sterngewordener Vogel, flimmernd am Firmament,
begreifen kann dich nur einer, der den Abgrund nicht kennt.

Schwarze Sonne bist du, ohne Aufgang und Untergang,
für alle jene, die dürstend erklimmen den Uferhang.

II.

Woher kommst du geflogen aus Märchenland und Fabel
und hackst ins lebendige Mark deinen Schnabel?

Welche Zaubermacht schickt dich, zu welchem heimlichen Ziel,
dreihundertfacher Regenbogen über Wolga und Nil?

Was ist dies für Sternengurt, was dieses bunte Ordensband,
aus dunkler Galaxis von Erdteil zu Erdteil gespannt?

Soll ich, nicht todgewohnt, dich erleiden, noch ehe ich dich geschaut,
du Weltraumbarrikade, die sich vor uns aufgebaut?

O schwarze Sonne, o Lied, wer hat dich mir auferlegt,
daß man des Hauptes statt mein Nacken dich jetzt trägt?

III.

Wo führst du mich hin, wo ist die Höhle in den Bergen,
wo wiz für alle Zukunft unser Ureigenstes bergen?

Sterne blicken uns, doch erloschen ist ihr Schein,
zwei Klippen, miteinander verwachsen, sind wir, auf Erden allein.

Wer droht über uns, wer steht dort auf der Lauer
um in der Pyramiden Schweigen uns beide einzumauern?

O Lied, Land, Frau, Leben vereint mit Tod,
was du mir heute zubringst, verschling ich wie Wein und Brot.

Weder Aufgang hast du, noch Untergang, schwarzer Planet.
Vergebens erhebt sich zu dir mein Gebet.

(Gedicht übersetzt aus dem Makedonischen von Ina Jun Broda)