Leseraum

„Der Weg, der zu einem Gedicht führt, ist schwierig. Das, was wie eine poetische Inspiration erscheint, ist in Wirklichkeit das Ergebnis eines langen und komplexen Prozesses, der gleichzeitig Erfahrung und Nachdenken mit sich führt […]. Die größte Schwierigkeit sowie die größte ethische Verantwortung eines Dichters ist es jene Worte für Inhalte und Ideen zu finden, die glaubwürdig, wahrhaftig und nicht imitierbar das auszudrücken vermögen, was er sagen möchte. Wenn ihm dies nicht gelingt zerfällt das Gedicht, das Wort wird zur Lüge.“ Aco Šopov, 1968

Zehn Gedichte von Aco Šopov zum Entdecken im Ausklappliste “Leseraum”.

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Bitte um ein gewöhnliches, noch nicht erfundenes Wort

Dies ist, worum mein Leib dich fleht:
Finde ein Wort, das noch nicht erfunden,
alltäglich, gewöhnlich, und wie Holz so schlicht,
gleich Händen, kohlgeschwärzt, urväterlich zerschunden,
unschuldig wie ein erstes Gebet, und so licht…
Finde das Wort, um das mein Leib dich fleht.

Erfinde ein Wort, das niemand noch erfand,
ein Wort, von dem – wenn es erklingt wie ein Schrei –
das Blut, sich selber nicht bewuβt, in Schmerz entbrennt,
ein Bett sich suchend, darin einzuströmen frei –
finde das Wort, das keiner noch erfand.

 

Ein Wort, so leise und so wahr, erfinde,
gleich aller, die gefangen, stummes Weh,
ein Wort, das wie vom Berg die jungen Frühlingswinde
in ihrem Augenstern erweckt ein Reh…
ein solches Wort, um das mein Leib dich fleht, erfinde.

Finde das Wort für Klage und Gebären.
Und dieser urtümlich im Harren erstarrte Schrein
wird dann gehorsam Einlaβ dir gewähren
und seine Pforten öffnen von allein,
findest du das Wort vom Klagen und Gebären.
Aco Šopov