Nebidnina (Unwirklichkeit)

1.
Ich wanderte lang, eine ganze Ewigkeit
von mir zu deiner Unwirklichkeit.
Durch Feuersbrünste, durch Trümmer,
über Brandstätten,
in Sonnenglut, Dürre, Dunkelheit,
nährte mich vom Brote deiner Schönheit,
trank aus der Kehle deines Lieds.

Sieh sie nicht an die dunklen Furchen,
die sich in mein Antlitz gegraben –
die hat mir das Antlitz der Erde geschenkt.
Sieh ihn nicht an, den Höcker auf meinem Rücken –
Den hat die Mühsal der Berge vermacht.
Sieh diese Arme –
zwei Brände,
zwei Ströme,
dunkles Warten …
Sieh dies Hände –
zwei Äcker,
zwei Brachen,
stumme Klage.

Lang bin ich gewandert, eine ganze Ewigkeit
von dir zu meiner Unwirklichkeit.

2.
Doch dann kam einmal eine Nacht.
Nacht der Bäume,
Nacht der Gräser,
in kaltem Schacht.
Ich stürzte tief und versank im Gras
Zwischen Halmen und weichem Moos.

Und es geschah mir in dieser Nacht
wirkliches und unwirkliches
wie in einer alten Mär,
die tief im Bewußtsein schlief.
Du kamst und trugst dich mit mir fort
Wie eine Strömung abgrundtief.

Jetzt bin ich allein
Vor einem Gebirge von Qual und Leid,
von Menschsein –
auf unbekanntem Weg,
wimmernd vor Hunger und Müdigkeit.
Du kamst – ein dunkles Wasser, die Flut
An der man dahinsiecht in Ewigkeit,
wie ein dunkler Fluch der Tücke und Wut.

3.
Trübes Wasser, schwarzes Wasser,
täglich brichst du eine Blüte
von meiner Stirne Stein
und wirfst sie in den Abgrund hinein
unter die leichte Hülse deines Leibes.
Trübes Wasser, schwarzes Wasser,
wer hat dir diese Gestalt gegeben,
für die furchtbare Sorge, für das herrliche Weh,
das sich an mein Herz geschmiegt
wie an den Baumstamm ein junges Reh …
Wer hat dir deinen Namen gegeben,
trübes Wasser, schwarzes Wasser?!

Wer ist es, der unsichtbar in mir sitzt
wer zündet die heimliche Glut?
wer reißt sie nieder, die Wand vor dem Blut,
wer raubt mein Gehör,
wer stiehlt mein Augenlicht
wer ist’s der unermüdlich Garbe auf Garbe schichtet –
wer sitzt unsichtbar in mir drin?

4.
Baum auf einsamer Höhe,
Mühsal in karger Erde,
wer hat dir meine Augen gegeben,
die im Schlaf deiner Blätter reifen?
Grüne Blicke, grünes Aufwärtsstreben,
wer hat uns verdammt zu dem gleichen Wachsein,
Baum auf einsamer Höhe,
Mühsal im kargen Erdreich,
wie kam deine Tiefe in mich hinein,
wie kommst du in mein Blut?
Wer wischte fort mit leichter Gebärde
alles Ferne,
alles Nähe,
wer verdammte uns zu dieser Unwirklichkeit:
mich – Baum zu sein,
und dich – Lied?

5.
Frau, so weise unbekannte Frau, du,
die du vorübergeht
an diesem Fenster aus Dunkelheit,
taub für Klage,
blind für Verzweiflung,
woher nimmst du diese falsche Ruh,
wie kommt in dich mein Blut?
Ich trug dich, Frau, im meiner Hut,
wie ein schweres Geheimnis,
um dich zu enthüllen an jenem Tag,
da keuchend mein Blut aus mir spricht
in einer Stunde furchtbarer Stille,
ein kühnes, allerletztes Wort –
wie der Himmel so licht,
wie das Schwert so scharf.
Wie kommt bloß, Frau, mein Blut hinein in dich?

Lang war die Reise, eine Ewigkeit
von mir bis zu unsere Unwirklichkeit.

(Gedicht übersetzt aus dem Makedonischen von Ina Jun Broda)